Ordnung vs. Marketing

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Ich sitze gerade im Zug von München nach Hannover (um diese Zeit ganz allein im Großraumabteil), und ich betrachte, wie ein smarter Businesstyp zusteigt: er steigt ein, schaut etwas irritiert nach links und rechts, kommt dann den Gang entlang und sucht nach seiner Platznummer. An „seinem“ Platz angekommen, nimmt er sein Ticket heraus und vergleicht offensichtlich die Buchung mit der tatsächlichen Platznummer. Es passt offensichtlich überein und er setzt sich … – Ist das normal? In einen leeren Zug einzusteigen und dann genau „seinen“ reservierten Platz zu suchen? Zumal jetzt um 22 Uhr nicht mehr die großen Horden weiterer Zuggäste zusteigen werden, sodass es ein Unterangebot an Plätzen geben dürfte.

Motiviert durch diese Beobachtung lasse ich mich zu einigen Überlegungen hinreißen, warum in den meisten Unternehmen trotz unseres Strebens nach Ordnung und Systematik ein unsystematisches und meist „aus dem Bauch heraus“ geführtes Marketing an der Tagesordnung ist. Eigentlich widerspricht das unseren sonstigen Gewohnheiten. Hier mögliche Gründe, bitte fügt weitere hinzu:

1. Eine strategische Marketingkonzeption ist schlichtweg unbekannt.

2. Der Einsatz einer Marketingkonzeption erscheint nicht sinnvoll, denn „es geht ja auch so“.

3. Eine Marketingkonzeption setzt Marketing-Fachwissen voraus, jedoch: dieses Know-how fehlt leider in vielen Unternehmen. Da sich „Marketing“ auch so machen lässt (ja, in Word können auch Cliparts eingefügt werden), scheint der akute Bedarf an Maßnahmen erstmal gedeckt.

4. Marketing wird mit Werbung gleichgesetzt (was alles nur noch viel schlimmer macht …).

5. Eine Marketingplanung setzt voraus, dass es ein Marketingziel gibt. Aber: ein konkretes Marketingziel gibt es aber nicht, denn entweder gibt es kein Unternehmensziel, aus dem sich das Marketingziel ableiten lässt (gut, dann könnte man ein eigenes definieren) – oder, was noch schlimmer ist, es wird kein Ziel definiert, damit es anschließend keine Kontrolle geben kann.

6. Für die Geschäftsleitung sind Marketingkosten ein „notwendiges Übel“ und sie will nicht noch mehr Geld in die Hand nehmen für Recherchen, Analysen, Konzeptionsarbeiten … (wobei hier angemerkt sei, dass eine gelebte Marketingkonzeption durch die Konzentration des Marketings auf wirkungsvolle Segmente schnell Geld sparen lässt und eine deutlich höhere Wirkung hervorbringt).

7. Der Marketingleiter hat schlichtweg keine Zeit für strategische Überlegungen, er ist mit operativen Tätigkeiten mehr als ausgelastet (was erfahrungsgemäß der häufigste Grund sein dürfte).

8. Das Marketingpersonal ist unterqualifiziert, da es Marketingaufgaben irgendwann „on top“ bekommen hat und/oder es nebenbei mitmachen muss, wofür aber keine Qualifizierung erfolgte.

Das Thema „Fehlende Marketingkonzeption in KMU“ beschäftigt mich schon etwas länger (eine Studie in Zusammenarbeit mit einer Fachhochschule ist in Vorbereitung) und bin deshalb auf weitere Gründe aus Eurer Sicht sehr gespannt!